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Wir sind jetzt Bioökonomen!

Manchmal ist es eher scherzhaft gemeint, wenn ein Landwirt als „Agrarökonom“ bezeichnet wird. Betrachtet man die Komplexität der modernen Landwirtschaft, steckt darin aber deutlich mehr als nur ein Körnchen Wahrheit. Betrachten wir den rasanten Bedeutungszuwachs, den unsere Wälder gerade erfahren, könnte man direkt auf die Idee kommen, dass der Waldbauer bald den Titel „Bioökonom“ führen darf.

Bis vor kurzem war es noch so, dass der Waldbesitz eigentlich nur durch Holzverkauf nennenswerte Einnahmen erzielen konnte – abgesehen von ein paar Sondernutzungen wie Kiesabbau, was eigentlich schon keine Waldwirtschaft mehr ist, weil dort ja dann keine Bäume mehr wachsen. Dieses eindimensionale Bild verändert sich gerade massiv.

Aspekte der Bioökonomie

Heiß diskutiert und in der Landschaft weithin sichtbar sind Windkraftanlagen als Teil der Energiewende. Diese lassen sich gut als „forstliche Nebennutzung“ bezeichnen, denn fast alle nachfolgenden Aspekte sind im Wald auch dann noch umsetzbar, wenn sich 140 m darüber Rotorflügel drehen. Mit Ausnahme einiger Erholungsthemen und der Bestattungsorte vielleicht, bei denen die Geräuschkulisse wirklich stört. Bei den Waldfriedhöfen lässt sich schon eine leichte Marktsättigung beobachten. Auch wenn diese unaufwändige Art der letzten Ruhestätte sehr im Trend liegt, haben doch schon sehr viele Gemeinden ihren Friedwald bzw. Ruheforst.

Ein Megathema wird die Speicherung von Kohlenstoff in naher Zukunft werden. Der Handel mit CO2 -Zertifikaten steckt eigentlich noch in den Kinderschuhen und ist auch alles andere als trivial. Schließlich geht es in vielen Konzepten darum, eine zusätzliche Speicherleistung zu belohnen, die über das übliche Maß hinausgeht. Soll jegliche Kohlenstoffeinlagerung in Holz und Boden honoriert werden, müsste die Entnahme von Bäumen bei der Holzernte letztlich gegengerechnet werden. Die potentiellen Zertifikate müssten zumindest eine Laufzeit beinhalten, in der eine Nutzung aus bleibt oder auf das waldbaulich Nötige reduziert bleibt. Die notwendigen Quantifizierungen sind also vielschichtig und kompliziert und die Diskussionen dazu noch nicht wirklich abgeschlossen, aber ein paar Beispiele sind bereits realisiert.
 

Ökosystemleistungen

Bei dem Trendwort „Ökosystemleistungen“ denken wohl die meisten an Biodiversität, Artenschutz sowie den Garant für sauberes Wasser und reine Luft, den unsere Wälder schon immer darstellen. Den genannten Aspekten gemeinsam ist, dass sich kaum vermarktbare Produkte daraus machen lassen. Wer sollte am Ende für etwas bezahlen, was unbedingt der Allgemeinheit zu Gute kommen soll? Die neuen Förderprogramme der Bundesregierung zum klimaangepassten Waldmanagement versuchen das ein Stück weit abzubilden: Der Staat bzw. der Steuerzahler gibt dem Waldbesitzer Geld dafür, dass er beispielsweise über das Belassen von Habitatbäumen in seinen Beständen auf Holzeinnahmen verzichtet.

Erholungsangebote

Ein relativ junges Geschäftsfeld ist tatsächlich die Vermarktung von Erholung im Wald. Aus dem bei manchem Waldbesitzer gefühlten, notwendigen Übel des freien Betretungsrechts lässt sich in mancherlei Hinsicht doch auch Kapital schlagen. Bevor ich mich als Waldbesitzer beispielsweise über Wildcamper aufrege, kann ich auch über eines der neuen Internetportale Stellplätze anbieten. Glücklich, wer eine Hütte in seinen Wäldern hat. Die lässt sich heute auch hervorragend vermieten. Anfragen von Vereinen oder auch kommerziellen Anbietern nach Strecken für Mountainbike-Trails oder Survivalcamps gibt es zuhauf. An dieser Stelle kann es sich lohnen, einen Perspektivwechsel zu vollziehen: Sollen die Waldbesucher möglichst auf Distanz gehalten werden, oder lässt sich die Unruhe (die unweigerlich mit solchen Erholungsangeboten verbunden ist) sogar für die Waldverjüngung ausnutzen, weil sich Schalenwild dort eher fernhält?

Waldpflege und Holznutzung

Bei all diesen neuen Facetten darf nicht vergessen werden, dass im Wald immer noch Holz wachsen soll und wir diesen umweltfreundlichen Rohstoff auch dringend brauchen. Auch die Zukunft der Holznutzung hält viele Chancen und Herausforderungen bereit. Der rapide fortschreitende Klimawandel verlangt von uns Antworten auf die Frage, welche Baumarten hierzulande wohl in naher Zukunft eine Chance haben zu gedeihen. Versuchen wir es mit „Wunderbäumen“ oder einer möglichst breiten Palette an Holzarten, damit die Bestände auf möglichst viele Eventualitäten reagieren können? Mancherorts geht es heute schon um den schieren Walderhalt und um die Frage, ob auf den Kalamitätsflächen demnächst überhaupt irgendetwas wächst, was sich Baum nennen kann.

Parallel zu den Wäldern werden auch die Verwendungsmöglichkeiten für Holz – oder sollten wir eher von Biomasse sprechen? – immer vielfältiger. Ja, die klassische Nadelholzindustrie macht sich Sorgen, wie es weitergehen wird, wenn die großen Massen, die jetzt im Zuge des Waldumbaus anfallen, aufgebraucht sind. Aktuelle Holzaufkommens-Prognosen (WEHAM) zeigen ziemlich klar, dass die Menge an verfügbarem Holz in Deutschland nicht abnehmen wird, die Anteile an Laubholz aber deutlich steigen. Lange Zeit war nicht klar, was aus diesem Material werden soll. Die Nutzungsmöglichkeiten schienen begrenzt und der Anteil an minderwertigem Laubholz, das eigentlich nur zur Energiegewinnung taugt, viel zu hoch. Auch in diesen Bereichen deutet sich ein gewaltiger Umbruch an. Die Bioraffinerie von UPM in Leuna ist ein eindrucksvoller Vorbote davon. Im industriellen Maßstab wird dort aus Buchenholz der Grundstoff für alle möglichen chemischen Anwendungen gewonnen, die bisher auf Erdöl basieren. Lignew nennt sich ein innovatives Produkt der Firma Butterweck Holzstoffe, die direkt aus Hackschnitzeln einen Holzschaumwerkstoff produziert. Nur zwei Beispiele dieses zukunftsweisenden und sicher mehr und mehr tragenden Nutzungsbereichs für Holz.

Es wird in Zukunft also nicht weniger, sondern immer mehr Vermarktungsmöglichkeiten für Holz aus dem Wald geben. Das ist die gute Nachricht. Der völlige Kollaps des Brennholzmarkts im ersten Winter des Ukrainekrieges, als die Angst vor einer schweren Energiekrise umging, kann als mahnendes Beispiel dienen, was passiert, wenn Nutzungskonkurrenzen aus dem Gleichgewicht geraten. Damals hatten Hersteller von Holzdämmstoffen und sogar Buchensägewerke über Monate fast keine Chance, auf Grund extremer Verknappung und einhergehenden Preisspiralen an ihr Rohmaterial zu kommen. Es ist aber eine Binsenweisheit, dass ein langlebiges Holzprodukt besser für unseren Planeten ist, als die direkte Verbrennung. Nur eine langfristig angelegte stoffliche Nutzung unseres Rohstoffes Holz kann ein Beitrag zum Thema CO²-Senken sein.

Willkommen im neuen Waldzeitalter

Es entsteht also eine Vielzahl an neuen Chancen und Geschäftsfeldern für Waldbesitzer. Manche wachsen erst langsam, aber das tun die Bäume auch. Die Bewirtschaftung eines Waldes wird dabei definitiv vielschichtiger, man könnte auch sagen komplizierter. Die fortschreitende Digitalisierung, heute oftmals noch belächelt oder als lästige Bürokratie empfunden, bietet in der richtigen Anwendung heute schon wertvolle Hilfestellung und wird die „Generation Excel-Plus“ ablösen.  Die forstliche Nutzung braucht effiziente Strukturen und eine konsequente, digitale Ausrichtung der Managementlösungen. Hier auf „das wachsen der Bäume“ zu warten, erscheint eher betriebswirtschaftlich fahrlässig.

Die Potentiale sind hoch und es bieten sich neben der klassischen Holzbereitstellung ebenso alternative Ansätze, die Wirtschaftlichkeit unserer Forstbetriebe wird zukünftig davon abhängig sein, wie kreativ wir diese vielschichtigen, bioökonomischen Optionen miteinander verbinden und so den Forstbetrieb in ein gutes Fahrwasser bewegen.